Neues Album Keimzeit „Ach, die Menschen“

Keimzeit behauptet bis heute eine stille Sonderstellung im deutschen Musikgeschäft. Unbeeindruckt von modischen Strömungen und getragen von einer Anhängerschaft, die Verlässlichkeit höher schätzt als den schnellen Effekt, wirkt die Band wie ein bewusst gepflegter Anachronismus von eigenem kulturellem Gewicht. Ihre Präsenz speist sich weniger aus Lautstärke als aus einer bemerkenswerten Kontinuität, die in der gegenwärtigen Poplandschaft fast schon als Gegenentwurf gelten darf.

Mit dem nunmehr 14. Album „Ach, die Menschen“ setzt Keimzeit diesen höchst individuellen Kurs fort. Die Stücke überzeugen durch eine unaufgeregte musikalische Souveränität und jene charakteristischen, bisweilen kunstvoll verschränkten Texte, die Norbert Leisegang seit Jahrzehnten auszeichnen. Es lohnt sich immer genau hinzuhören: Die feinen Beobachtungen, die beiläufigen Pointen, die kleinen gedanklichen Volten entfalten ihre Wirkung oft erst beim zweiten Hinhören. Das Album „Ach, die Menschen“ ist vor diesem Hintergrund ein Keimzeit-Album at its best.

Der ungewöhnliche Albumtitel mag in diesen unübersichtlichen Zeiten zunächst politische Anspielungen vermuten lassen. Doch Norbert Leisegang hat seine Texte stets weniger als Kommentare zum Zeitgeschehen verstanden, denn als Form gehobenen Entertainments. Wo politische Haltung aufscheint, vermittelt er sie über Alltagsbeobachtungen, nicht über Parolen. So öffnet der Titelsong – um den sich das Album auch inhaltlich sammelt – die knarrende Tür zu diesem neuen Werk und überrascht mit einer Zeile, die mild, menschenfreundlich und unverkennbar Leisegang ist: „Ach, die Menschen, egal, wie man es sieht. Ich, für meinen Teil, hätte sie geliebt.“ Das neue Keimzeit-Album bündelt in diesem Musik-Kosmos elf weitere Stücke, die die stilistische Spannweite der Band eindrucksvoll belegen. An den Reglern saß – wie schon bei einigen Keimzeit Alben – Produzent Peter Schmidt, der die zwölf Songs im traditionsreichen Ballhaus Studio in Berlin abmischte und zuvor mit der Band zusammen im Studio von Keyboarder Andreas Sperling aufnahm.

„Ach, die Menschen“ erweist sich als ein Werk, das sich Lied für Lied dem Alltagsleben und damit dem Menschsein selbst annähert. Dies geschieht unter anderem mit skurrilen Ideen wie im Song „Bummelzug“. Der Titel begeistert mit der typischen Keimzeit‑Leichtigkeit. Einst ein schnittiger D‑Zug, ist er heute ein gemächlicher Bummelzug, der sich auf dem Abstellgleis als geliebter Oldtimer ausruht – das Rad des Lebens in bildreicher Miniatur. Reggae‑Anklänge verbinden sich mit eleganten Improvisationen am Klavier und an der Posaune. Ein locker groovender „Bummelzug“, den man sofort ins Herz schließt.

Mit witzig‑saftigen Metaphern versehen, erfreut der vom Chanson im Stile Jacques Brels beeinflusste Song „Fasching im Februar“ das innere Auge. Zynisch, aber nicht ohne Sympathie für das Abgründige, führt der Text durch ein alkoholgetränktes Treiben: „Fasching im Februar, der schöne Ken hat sich erbrochen. Erschrocken spürt Barbie eine Hand unter ihrem Rock. Hänsel hat der Hexe eine tollkühne Nacht versprochen, und Gretel auf dem Sofa schmollt wütend und bockt.“ Wie in einem Tarantino‑Film gleitet die Szene weiter und schon wartet die „Gute Fee“ auf uns. „Dir zu Diensten bin ich, so, wie ich hier steh, mit Fantasie so etwas wie deine gute Fee“, heißt es in dem folk‑rockigen Indie‑Song. Uralte Zauberkunst schwirrt durch den Kopf und die Musik lässt uns in wunschlosen Zirkeln entschweben. Das ist Keimzeit in reinster Form.

Rockiger und psychedelischer präsentiert sich „Stern“, ein Stück, das zwischen unmöglicher Liebe und deren melancholischer Nachbetrachtung oszilliert. Die Zeile „Denn nur ein Narr begehrt den Stern am Firmament“ verleiht dem Lied jene poetische Offenheit, die Raum für Deutung lässt. Persönlich und zugleich geerdet wirkt „Therapie. „In meinem Umfeld hat fast jeder schon eine Therapie hinter sich, ich dachte mir, es ist mal an der Zeit, ein Lied darüber zu schreiben“, sagt Leisegang„Für mich ist das nichts mehr, auch weil meine Songs für mich so etwas wie eine Therapie sind.“ Der Titel, mit einem markanten Gitarrensolo versehen, dürfte sich auch live als kraftvolle Rock-Nummer erweisen.

Als weiterer Höhepunkt findet sich mit „Sultan tanzt Samba“ ein heiteres Stück, inspiriert von einem letztjährigen Konzert in Santa Clara auf Kuba auf dem Album. Bekannt ist die Stadt vor allem durch das Che-Guevara-Mausoleum im Westen der Stadt, das die letzte Ruhestätte von Che Guevara und anderen Kämpfern ist. Der im begradigten Bossa‑Nova‑Stil gehaltene Song lebt von seinem schrägen Humor und einer Leichtigkeit, die unmittelbar ansteckt: „Allein der Sultan, sonst niemand, hört sie, die lateinamerikanische Melodie. Der Papagei kratzt sich am Hals und staunt, was für ein Tag, der Chef ist gut gelaunt.“

So wirkt „Ach, die Menschen“ wie ein spätes Kapitel in einer langen, behutsam erzählten Geschichte. Keimzeit bleiben auch hier jene Band, die eine eigene Welt erschaffen hat, eine Welt, in der Alltagsbeobachtungen zu kleinen Parabeln werden und selbst unscheinbare Szenen zu inspirierenden Momenten der Klarheit aufkeimen können. Die neuen Songs öffnen diese magische Tür, geben uns poetische Lichtinseln, in denen sich das Gewöhnliche für einen nur kurzen Augenblick ins Bedeutende hebt. VÖ 17.04.2026

Quelle/Foto: Indigo